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#thegreatescape Kapitel 5 Die Besteigung des Mont Blanc

Kapitel 5: 28.-29.4.2022.


Schön, wenn Pläne aufgehen und das Wetterfenster hält. Dann bekommt man einen grandiosen Gipfeltag.

Tag 8: 28.4.2022. Der Mont Blanc in greifbarer Nähe


Wer von Chamonix aus die beeindruckende Bergszenerie das erste Mal sieht, ist zu Recht begeistert. Kilometerlang erstrecken sich die Gletscherbrüche und Grate und schon beim Hinschauen lassen sich die Dimensionen erahnen. 3.800 Meter höher zieht ein langer Grat vom Dôme du Goûter Richtung Gipfel. Bei gutem Wetter sieht man das Vallot Biwak am Beginn des Bossesgrats auf rund 4.350 Meter glänzen und man kann die zu bewältigenden Strecken nur grob erahnen.


Ich habe anscheinend das Panoramazimmer de luxe bekommen. Beim Aufwachen wähne ich mich zuerst in einen Traum, bis ich realisiere, dass ich durch mein Fenster tatsächlich ein Panorama von der Dru bis zum Montblanc erblicke.




Chamonix: Blick aus meinem Zimmer Richtung Aiguille du Midi und Dru



Aiguille um Aiguille schießen die Felsnadeln über mir in den Himmel. Fast mit jeder kann ich eine Bergerinnerung verbinden. Alle Erlebnisse sind in irgendeiner Weise extrem, schließlich ist Chamonix für mich die Hauptstadt der Extremen und des Extremen! Hier wird seit annähernd 250 Jahren Alpingeschichte geschrieben.


Meine Chamonix-Geschichte beginnt 1984 und sie würde einen eigenen Bericht füllen.

Heute bin ich hier, um ein weiteres Kapitel hinzuzufügen: „Guided by Public Transport – dem Zug und zusätzlich dem Rad“.


Meine Gäste aus der Steiermark haben bereits am Frühstückstisch Platz genommen und wir werden später noch einen weiteren Gast aus Wien begrüßen.


In den letzten fünf Tagen besserten sich die Verhältnisse von unmöglich auf akzeptabel. Zahlreiche Spaltenstürze und Unfälle rund um die berüchtigte Jonction am Bossesgletscher führten in den sozialen Medien zu richtigen Schauermärchen. Das Ergebnis: Der Hüttenwirt wartete tagelang bei bestem Wetter alleine auf der Hütte auf Gäste, bis er schließlich noch vor dem Schlechtwetter der letzten Tage zusperrte und abstieg.


Dass die Mont-Blanc-Skibesteigung eine ernsthafte Skihochtour für KönnerInnen ist oder zumindest von KönnerInnen begleitet sein soll, wollen viele nicht wahrhaben. Der Berg ist hoch, exponiert, es ist immer windig und wirklich weit.


Unsere Karten sind für heute und morgen nicht die besten – vom Wetter mal abgesehen.

Der Aufstieg zur Grand Mulets Hütte über die Jonction ist zwar möglich, aber ziemlich zerrissen mit tiefen, offenen Spalten. Oben ist der Bossesgrat mit zwei neuen Längsspalten in so schlechtem Zustand, dass man weit nach Osten über eine blanke Schleife aufsteigen muss. Noch dazu bleibt mein zweiter Bergführer Mario in Verbier, da sich der Start der Patrouille des Glaciers verschoben hatte. Ich bin also alleine mit drei mir fast unbekannten nicht akklimatisierten Gästen unterwegs.


Eine Gipfelgarantie schaut anders aus.


Über zwei Jahre ist es nun her, dass ich das letzte Mal in Chamonix war, und es ist eine Rückkehr mit vielen Fragezeichen, eine Rückkehr in eine stark veränderte Bergwelt. Es gab immer Winter und Sommer mit wenig Niederschlag und schlechten Verhältnissen. Der heurige Winter aber war für alle Gletscher südlich des Hauptkamms eine Katastrophe.


Vorbereitend verfolgte ich sämtliche Berichte der lokalen Kollegen und der Seite im Netz für Sicherheit am Berg La Chamoniarde. Das ganze Ausmaß der Misere wird aber erst vor Ort deutlich.


Eine der klassischen Routen auf den Mont Blanc über das Col Maudit – der blanke Wahnsinn. Und zwar wortwörtlich. Statt der normalerweise bis Ende Juli gut zu gehenden Firnspur glänzt hier ein geschlossenes Eisfeld.


Ich befürchte, dass sich hier einige klassische Wege und Verbindungen gerade auflösen. Wie dramatisch die Situation ist, werden wir am nächsten Tag aus nächster Nähe sehen und hören.



Heute treffen wir uns nach einem kleinen, entspannten Stadtrundgang mit unserem vierten Teilnehmer. Wir fahren mit der Bahn bis zur Mittelstation auf knapp 2.200 Meter und beginnen den Aufstieg zur Grand Mulet Hütte auf rund 3.000 Metern.





Am Weg zur Grand Mulet: Start ins Abenteuer



Dieser klassische Weg wird ohnehin nur mehr im Frühjahr begangen. Die Gefahr brechender Seracs am Grand Plateau ist einfach zu groß.


Vorbei an den Nordabstürzen der Aiguille du Midi treffen wir einige Gruppen, die das gleiche Ziel verfolgen. Ein gut gespurter Weg führt Richtung Jonction und schnell befinden wir uns mitten in der Spur durch das Spaltengewirr des Bossesgletscher.


Einige lokale Kollegen, haben bereits eine gute Spur durch diesen heiklen Teil angelegt. Ich treffe zwei österreichische Bergführer und nutze die Gelegenheit, mich mit ihnen über die Gipfelroute auszutauschen. Ein Plan B ist gefragt, da es mit drei Gästen unverantwortlich wäre, den blanken Bossesgrat rauf und runterzugehen – dazu später mehr.


Schnell überqueren wir die bereits dünnen Schneebrücken an der Jonction und mehr als einmal schaue ich in große schwarze Löcher – typisch für die Westalpen.


Das ist eben keine Konsumskitour aus den Weichzeichner-Bergwelten, sondern eine eindrucksvolle komplette Westalpenskitour. Dieses Jahr mit einer Extraportion Abenteuer.


Am Weg durch die Jonction



Wir lassen uns Zeit und suchen eine gute Mischung aus Akklimatisationstempo, ausreichenden Pausen und dem Erlebnis einer völlig anderen Welt aus wenig Schnee und viel Eis. Für meine steirischen Gäste Manfred und Christian ist es nach dem Glockner die erste Westalpentour. Den Unterschied erkennen beide schnell und deutlich. Während der Umrundung der Midi sehen sie das gewaltige Spaltenfeld des Bossesgletscher und der darüberliegenden Seracs. Christian aus Wien ist ein erfahrener Bergsteiger, der sich morgen einen seiner letzten alpinen Träume erfüllen will.


Bald erreichen wir das Skidepot der Mulet Hütte. Die letzten Meter klettern wir über Fels zur in die Jahre gekommene Hütte, die wie ein Vogelnest wild exponiert über dem wild zerklüfteten Gletscher liegt.




Skidepot unter der Hütte und Zugang zu Essen und Erholung



Westalpenhütten sind ein eigenes Kapitel für sich. Es sind kaum vermeidbare Stützpunkte an den exponiertesten Plätzen der Alpen für Leute, die sich aus eigenem Antrieb Schwierigkeiten aussetzen. Bei Schlechtwetter sind die Hütten kalt und einsam und bei guter Wetterprognose doppelt und dreifach überbucht.


Völlig ohne Komfort (jeweils zwei Matratzen für drei Leute) liegt man im Speisesaal, bekommt im Zwei-Schichtbetrieb nährstoffarmes Essen, dass man am nächsten Tag über ein freistehendes Plumpsklo 200 Meter Richtung Gletscher entsorgt. Weckruf: 2:00 Uhr, Frühstück 2:30 Uhr, nachdem man den Speisesaal selber wiederhergestellt hat. Das Ganze um EUR 90.- pro Person. Wasser kostet extra.



Abendessen: erste Schicht



Die andere Seite der Schweizer Hütten zeigt sich uns als Postkartenwetter auf der Sonnenterrasse. Bei Sonnenuntergang sehen wir eine Gruppe von Skifahrerinnen, die auf der Nordflanke einfährt. Wir beobachten einen Gleitschirmflieger, der seine Runden dreht, und erfreuen uns am Wissen, dass wir morgen bei bestem Wetter Richtung höchstem Punkt der Alpen unterwegs sein werden.




Schlafenszeit im Speisesaal: Es gibt Platz für alle.



Wir erleben einzigartige Momente an diesem Abend, denn Ausblicke wie heute sind selten, kostbar und unglaublich stimmungsvoll. Genießen ist angesagt. Da darf ein kleines Abendbier nicht fehlen, denn es wird eine kurze Nacht und ein langer nächster Tag!



Panorama vor der Hütte



Tag 9: 29.4.2022. Auf den Mont Blanc, den König der Berge


Um 2:00 Uhr geht das Licht an, und wir sind in wenigen Minuten frühstücksbereit. Heißt in dem Fall mit Gurt und Gewand einen kleinen Nescafé trinken, ein kleines Brot essen und los geht es mit der Stirnlampe im Dunklen über den kurzen Klettersteig zum Skidepot. Wir sind schnell und setzen uns an die Spitze der zahlreichen Gruppen. Sie werden uns sicher noch überholen, denn unsere Taktik ist akklimatisationsbedingt einfach: Wir gehen maximal 350 HM in der Stunde und werden jede Stunde eine Gel- und Trinkpause machen.



Start ins spaltige Gelände



3:00 Uhr. Es geht los. Nach kurzen technischen Pausen am Beginn finden wir einen guten Rhythmus und sind in der Dunkelheit sicher unterwegs. Eine lange Lichterkette leuchtet hinter uns im Dunklen. Gegen 5.00 Uhr erreichen wir das erste weite Flachstück durch die wilde Gletscherspur vom Vortag. Ich bin froh, dass ich das nicht spuren muss.


Langsam geht die Sonne hinter der Midi und dem Tacul auf. Das warme Licht beginnt den Bossonsgletscher auszuleuchten. Es war klug, in der Dunkelheit raufzugehen: Wilde Seracs kommen unserer Spur auf der rechten Seite bedrohlich nahe.





Als wir das Grand Plateau erreichen, fällt ein riesiger Eisturm genau über dem Petit Plateau in sich zusammen. Laut krachend bahnen sich die Eismassen einen Weg nach unten. Es dauert sicher eine halbe Minute, bis die letzten Eisblöcke kurz vor der Aufstiegsspur zum Stehen kommen. Der Serac hatte ungefähr die Ausmaße einer mittelgroßen Landkirche – Skibergsteigen ist und bleibt immer mit einem Restrisiko verbunden, das mit dem Klimawandel nicht besser wird. Im Gegenteil.


Statistisch gesehen sind wir nunmehr auf der sicheren Seite, denn ein zweiter Block wird heute nicht mehr abreißen.



Am Grand Plateau entscheide ich mich für die Korridorroute zum Col de la Brenva. Ein deutscher Bergführer (danke Volker!) war gestern oben und hat mir die Verhältnisse gut beschrieben. Für mich die einzige realistische Chance, alle zum Gipfel zu führen.



Der Tag kündigt sich an, es ist warm und windstill.



Meine Gäste sind nach wie vor gut unterwegs und wir erreichen unser Skidepot am Col de la Brenva. Hier nehmen wir den letzten Teil der klassische Sommerroute über die drei Monts und erreichen nach kurzen steilen Blankeisstellen den letzten Steilaufschwung zum Gipfel. Wie immer sind es die letzten 200 Höhenmeter, die nochmal eine gewisse Charakterfestigkeit erfordern.


Die letzten Meter nach oben auf fast 4.800 m



Mit dem Seil habe ich allerdings eine gute Möglichkeit, gelegentlich kurze Durststrecken zu überbrücken, und wir erreichen bei kompletter Windstille um 10:00 Uhr den Gipfel des Mont Blanc mit seinen stolzen 4.810 Metern. Es freut mich sehr, alle Gäste gut und sicher heraufgebracht zu haben. Freudestrahlend gratulieren wir uns zum Gipfel.





Windstille am Montblanc bei Kaiserwetter und Sicht zurück bis zur Dufourspitze und dem Matterhorn. Die Anspannung der letzten Stunden lässt merkbar nach und wir freuen uns mit den anderen BergsteigerInnen am Gipfel.




Endlich angekommen! Es sind dann doch einige, die das gute Wetter nutzten.



Nach 30 Minuten Gipfelglück steigen wir langsam zum Skidepot ab. Die kurze Nacht, die fehlende Akklimatisation und der lange Aufstieg gehen bei einem Gast an die letzten Reserven.


Der Weg über den Korridor und den Seracbruch fordern ein zügiges Weiterfahren und wir haben noch einen langen Weg zurück zur Seilbahn.


Kräftesparend fahren wir in einer breiten Abfahrtsspur ab und erreichen gegen 13:00 Uhr das Skidepot bei der Hütte.



Am Weg zurück Richtung Jonction und Seilbahn


An eine lange Pause ist nicht zu denken. Wir müssen noch über die Jonction zurück zur Aiguille du Midi Seilbahn. Ich entscheide mich weiter unten für eine Spur vom Vortag, etwas entfernt von der Nordwand der Midi. So kommen wir auch noch in den Genuss eines abschließenden kurzen Faulschneeabenteuers mit ein paar Kollegen aus Freistadt und Annecy. Kräfte- und zeitmäßig geht sich alles aus. Um 16:30 Uhr stehen wir bereits bei der Midistation und stoßen auf einen aufregenden Tag an.


Danke euch allen! Es war eine unglaubliche Erfahrung!


Ende gut alles gut. Ein toller Bergtag liegt hinter uns.



Der Abend bringt ein wohlschmeckendes Abendessen und wir vereinbaren bereits einen Skiausflug fürs nächste Jahr. Für morgen planen wir eine Überfahrt ins Aostatal samt Aufstieg zum Refugio Emanuele, um unser letztes Ziel, den Gran Paradiso, zu besteigen. Christian beschließt schon am Abend, am nächsten Tag nach Hause zu fahren, da seine Zeit ohnehin begrenzt ist und er sein Ziel, den Gipfel des Montblanc mit Skiern zu erklimmen, erreicht hat.


Ich sitze am Abend im 1904 und lasse mir die letzten Tage nochmal durch den Kopf gehen. Leider hatte ich bisher kaum die Möglichkeit, das Erlebte und Gesehene zu reflektieren.


Immer stand schon der nächste Berg vor mir!


Am Gran Paradiso, der vergleichsweise einfach ist, werde ich die Möglichkeit haben, das Erlebte einzuordnen und mich nochmal richtig über die Begegnungen und die erreichten Ziele zu freuen.


Mein #thegreatescape ist mit dem heutigen Tag abgeschlossen. Den Gran Paradiso erreiche ich nur mehr mit dem Auto oder dem Bus und somit nur außerhalb meiner Regeln.


Trotzdem freue ich mich auf zwei entspannte Skitage im Aostatal mit guter Wetterprognose.




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