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#thegreateescape Kapitel 4: Gipfelerfolg an der Dufourspitze und Weiterreise nach Chamonix

Keine Zeit zum Innehalten, denn immer gilt es den nächsten Anschluss zu erwischen. In diesem Fall geht es nach der Besteigung der Dufourspitze nahtlos weiter nach Chamonix.



Am Gipfel der Dufourspitze


Tag 7: 27.4.2022. Dufourspitze – rassiges Skibergsteigen bei bestem Wetter oder der längste Tag des Jahres


Im Licht meiner Stirnlampe beginne ich um 5:15 Uhr den Aufstieg zum Dufourspitz. Leichter Wind kommt über den Grenzgletscher herunter und es ist ziemlich kalt. Trotzdem kein Vergleich zu den Bedingungen vor 10 Jahren, als uns starke Böen und minus 15 Grad kurz unter dem Skidepot zum Umkehren zwangen.




Frostiger Start mit dem Matterhorn im Rücken


Auf guter Spur steige ich in rasantem Tempo Richtung Platje auf. Schon nach einer knappen Stunde erreiche ich das erste große Gletscherbecken nach der ersten Steilstufe. Die Kollegen von der Bundeswehr schließen zu mir auf und wir tauschen uns kurz aus.


Hinter uns eilen schnittige Patrouille-de-Glacier-Aspiranten aus den USA heran, die mit angelegten Harscheisen einen besseren Trainingseffekt erzielen wollen. Schlauer Plan. Mit ihrer eigentümlichen Spitzkehrentechnik machen sie gleich noch einbeinige Kniebeugen dazu. Kann man machen, muss man aber nicht.


Kurz nach dem zweiten Gletscherbecken auf knapp 4.200 m raste ich kurz mit meinen deutschen Begleitern.


Leider geht es für Dirk nicht weiter. Selbst die Wärmepads helfen nicht, seine gestern anscheinend leicht angefrorenen Daumen zum Leben zu erwecken. Ich übernehme seinen Aspiranten und wir spuren erstmal Richtung Grat weiter.

Auf der rechten Seite sehen wir die Amerikaner, die rund eine halbe Stunde vor uns sind und ziemlich planlos über einen steilen Blankeisriegel zum Grat kommen wollen. Da wünsche ich dann viel Spaß mit den zwar leichten, aber deutlich unterdimensionierten Alusteigeisen.


Sportliche Damenseilschaft aus dem Engadin


Wir wählen eine Spur nach links, die uns zum Teil sehr tiefe Spurarbeit beschert, bis wir unser Skidepot auf 4.300 Meter zwischen zwei Spalten einrichten.


Am Normalweg Richtung Westgrat sehen wir die Amis bereits wieder im Abstieg. Da drüben geht heute nichts, zu windig und zu blank!



Kevin am Weg nach oben: Es wird steiler.


Da Kevin, der mir anvertraute Aspirant, erst am Anfang seiner sicher erfolgreichen Ausbildung zum Heeresbergführer steht, übernehme ich fairerweise die Führung Richtung Dufourspitze am beginnenden Blankeisteil.


Es zahlt sich aus, dass ich genau für solche Fälle meine nicht ganz leichten Stahlsteigeisen eingepackt und mitgeschleppt habe. Mit den leichten Alueisen würde ich mich hier momentan nicht wohl fühlen.


Schnell finden wir einen guten Weg zu den ersten Felspassagen und ich beginne den netten Felsgrat vom Schnee freizulegen.





Die Kletterei ist zwar nicht schwer, aber teilweise stark überwechtet und wie immer viel weiter, als es von unten aussieht.

Es entwickelt sich eine feine, aber anspruchsvolle Gratkletterei Richtung Gipfel. Vorbei sind die Mühen der Anreise, vergessen die vielen negativen Berichte über die Verhältnisse im Vorfeld und die mehr als berechtigten Zweifel an meinem Vorhaben. Zufriedenheit und Erleichterung breiten sich aus.



Dufourspitze: die letzten Meter am Grat Richtung Gipfel



Trotz der Höhe und der Strapazen der vergangenen Tage bekomme ich dieses einzigartige Auftriebsgefühl und das Weitersteigen fühlt sich ungewöhnlich leicht und angenehm an.

Mein Kollege am Seil findet sich ebenfalls gut zurecht und bei strahlendem Sonnenschein

erreichen wir gegen 10:30 Uhr die letzte Steilstufe. Leicht und wendig steigen wir hoch – die angebrachten Fixseile interessieren mich kaum.


Die schöne und hochverdiente Abwechslung zum stumpfen Treten und Schleppen hat nur einen Nachteil: Sie ist leider zu bald vorbei, denn um 10:45 Uhr erreichen wir bereits das leicht versteckte Gipfelkreuz am höchsten Punkt der Schweiz auf 4.634 Metern.


Dufourspitze: am Gipfel höchsten Punktes der Schweiz, 4.634 m



Als Geschenk erhalten wir einen traumhaften Rundblick Richtung Matterhorn, Dent Blanche und Mont Blanc. Es ist ein Privileg, hier oben zu stehen und die Freiheit am Berg erleben zu dürfen.


Dass meine Familie gesund und in Sicherheit leben kann, erfüllt mich in diesem Moment mit tiefer Dankbarkeit. Andere Menschen unweit von Österreich leben derzeit in prekären Verhältnisse, es gibt wieder Krieg in Europa.


Mit diesem Projekt leiste ich einen bescheidenen Beitrag, das Leid zu lindern, indem das Honorar für diese Führungstour an die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ gespendet wird.

Ein eigenes Gefühl ist es auch, dieses Gipfelerlebnis mit jemanden zu teilen, dessen Beruf es ist, meine Freiheit im Ernstfall zu verteidigen. Heute durfte ich für Kevins Sicherheit am Berg sorgen. Ich hoffe, er wird sich als Soldat nie bei mir revanchieren müssen.






Da noch ein langer Rückweg vor mir liegt und der Zug Richtung Chamonix um 17:13 Uhr nicht auf mich warten wird, steigen wir zügig ab.


Der Weg der drei Schweizer Damen und unser Abstieg kreuzen sich erneut. Wir tauschen Gratulationen und herzliche Grüße aus. Eine Gruppe Italiener bedankt sich bei uns für die Spur und Abräumarbeit – gerne, kein Problem, genießt den Tag, es ist ein besonderer heute.


Eine knappe Stunde später sind wir bereits am Skidepot. Leider hat sich ein Stock meines Begleiters verabschiedet. Der Schnee wird auch schlechter und so steht ihm statt genüsslicher Abfahrt eine Konditionsprüfung bis zur Hütte bevor. Wir sind 1800 HM aufgestiegen und müssen genausoweit wieder runter – für mich geht es heute obendrein noch ein ganzes Stück weiter, da ich nicht auf der Hütte bleibe.




Mit Aspirant Kevin: Es war ein langer Tag und meiner geht noch weiter.



Dirk hat uns die ganze Zeit mit dem Fernrohr beobachtet und ist mit der Leistung seines Aspiranten sichtlich zufrieden. Beide werden erst morgen absteigen und Kevin spendet noch Geld für meine Aktion zur Unterstützung von „Ärzte ohne Grenzen“. Danke dafür und alles Gute. Ich freue mich, wenn wir uns wieder sehen!



Nach einem Kaffee mache ich mich auf den mühsamen Rückweg zur Gornergratbahn.

Normalerweise fährt man flockig über den Gornergletscher und die Gornerschlucht nach Zermatt ab und ist spätestens in zwei Stunden im Ort.


Nur ist in diesem Skitourenwinter wenig normal – vielmehr trägt man seine Ski länger, öfter und weiter.


Meinen Weg von gestern kann ich nicht gehen. Ich suche einen neuen, der mich vom Gornergletscher mühsam zurück zum Sommerweg führt. Die Sonne brennt in den Westhang und die Zeit drängt, da ich noch mein Rad und mein Gepäck aus dem Hotel holen muss.


Nach 17:13 Uhr gibt es keine Zugverbindung mehr nach Chamonix. Und ich treffe ja heute noch meine Gäste dort im Hotel.



Abfahrt zum Gornergletscher



Letzte Möglichkeit, pünktlich meine Gäste zu treffen: die Bahn um 16:34 Uhr erreichen, im Eiltempo mein Rad transportfähig machen und den Zug nach Chamonix erreichen.


Nach 2.200 HM Skibergsteigen, Spur- und Führungsarbeit und mit der bevorstehenden Radfahrt über den Col des Montets (das lasse ich mir nicht nehmen), ist das ein durchaus ausgefüllter Tag.




Auf die Minute genau erreiche ich die Gornertgratbahn. Am Weg ins Tal arbeite ich einen exakten Zeitplan aus, denn es bleiben mir nur 13 Minuten vom Eintreffen in der Talstation bis zur Abfahrt Bahnhof.


Im Stakkato geht es nun voran: fünf Minuten mit Skischuhen und Rucksack zum Hotel laufen, fünf Minuten Fahrrad umbauen und packen, drei Minuten mit dem Rad zum Bahnhof – könnte sich ausgehen.


Ankunft am Roten Boden- ich bin ziemlich platt...



Als ich von der Talstation Gornergrat wie ein Sprinter über die Bahnhofstraße zum Hotel laufe, halten mich einige für einen verwirrten Teilnehmer der Patrouille des Glacier, der vielleicht sein Maß, vor allem aber sein Ziel aus den Augen verloren hat.


Mein Ziel habe ich jedoch fest im Blick. Chamonix – Zugabfahrt 17:13 Uhr. Es wäre ein weiter Weg mit dem Rad. Ein zu weiter.

Nach einer eilig vorgetragenen Entschuldigung über meine Eile bei der Rezeption hole ich zwei Minuten vor meinem Plan das Rad aus dem Skikeller und sitze rekordverdächtige weitere vier Minuten später bereits auf dem bepackten Rad Richtung Bahnhof. Geschafft! Zug erreicht! Ich bin außer Atem und gleichzeitig erleichtert. Ausnahmsweise (!) darf ich mein Ticket im Zug ohne Zusatztaxe kaufen. Danke! Zermatt hat ohnehin ein großes Loch in mein Reisebudget gerissen. Noch dazu ist mein Datenvolumen aufgebraucht.


Zeit, das Land und den Berg zu wechseln.


Nach zweimaligem Umsteigen tuckere ich nun mit dem Mont-Blanc-Express Richtung Chamonix und freue mich schon auf richtiges Essen! Ich bin seit 4:30 Uhr wach, war elf Stunden auf den Beinen und habe genau drei Gels und zwei Riegel gegessen. Das ist eindeutig zu wenig. Außerdem geht es morgen schon wieder weiter Richtung Grand Mulets Hütte, die, soweit mir bekannt, im Guide Michelin keine Empfehlung vorweisen kann.


Aus welchem Grund auch immer vergesse ich, in Vallorcine den Zug zu wechseln.

Als ich mich kurz darauf wieder Richtung Schweiz bewege, lösen sich meine Abendessenspläne um 20:30 Uhr in Luft auf. Verzweifelt wechsle ich erneut den Zug, der ohne Anschlussmöglichkeit nach Chamonix um 21:15 Uhr in Vallorcine endet.


Der Zugführer empfiehlt mir, den Zug am nächsten Tag um 6:00 Uhr nach Chamonix zu nehmen und im Hotel nahe dem Bahnhof zu übernachten.



Ich zeige auf mein Rad, baue auf Nachtbetrieb um und beginne mit der Auffahrt zum Col des Montets.



Nachtschicht: am Weg nach Chamonix



Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie passt das heute noch für mich. Die Strecke hat nur 250 HM. Zusätzlich bietet sich die Gelegenheit, über Agentière nach Chamonix zu rollen. Abenteuerliche Tage sollen auch würdig zu Ende gehen. Das hier ist nach meinem Geschmack!


Meinen Gästen kündige ich meine Ankunft gegen 22:30 Uhr an. Das Glück ist mit mir. Tatsächlich erreiche ich unser Hotel genau zu dieser Zeit.


Die Hotelbesitzerin schenkte meinem Vorhaben kaum Glauben. Erst als ich mein Fahrrad abbaue und mit dem ganzen Gepäck in der Lobby stehe, versteht sie meine Ankündigungen der letzten Tage: Ich komme mit dem Rad!




Chamonix: nach einem langen Tag endlich angekommen



Nach 13,5 Stunden in Bewegung zählt nur mehr eines: essen und schlafen. Schließlich möchte ich den Mont Blanc nicht nur von unten sehen.


Freundlicherweise bekomme ich alle Kuchen und Süßspeisen, die im Hotel noch vorhanden sind. Mit ein paar Vitaminen versorgt mich ein Salat beim Burgerstand im Zentrum, bevor ich

um 23:45 Uhr zufrieden ins Bett falle.


Tagesfazit: Start 5:15 Uhr, Aufstieg zum Dufourspitz 4.634 m, Abfahrt und Rückweg nach Zermatt, Zug nach Vallorcine, Rad nach Chamonix, Ende 22:30 Uhr

Höhenmeter #auseigenerkraft: 2.232 HM, Wegstrecke #auseigenerkraft; 39,47 km

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